Die Heeresauflärungstruppe

Ein Beitrag von Generalleutnant Budde über „Die Bedeutung der Heeresaufklärungstruppe für das Heer im Einsatz“ (Auszug)

„Der Grund, warum gute Heerführer den Feind schlagen, wo auch immer er sein mag, ist das Vorauswissen. Man muss es von Leuten erfahren, die die Feindlage gut kennen!“
(Sun Tzu, Chinesischer Feldherr)

Für den Erfolg unserer Streitkräfte im Einsatz, unabhängig davon, ob es sich um eine Stabilisierungsoperation handelt, oder um einen Konfl ikt mit höchster Intensität, ist die Verfügbarkeit von Informationen über den Gegner, ganz gleich welcher Art, eine unabdingbare Voraussetzung. Nur so gelingt es, die Initiative zu gewinnen und zu behalten und das Gesetz des Handelns zu bestimmen. Nur durch präzise Aufklärung lässt sich ein echtzeitnahes und umfassendes Lagebild gewinnen und den Truppenführern ebenengerecht bereitstellen.

In den vergangenen Jahren haben sich die Aufklärungsziele und somit auch die Anforderungen an die Aufklärungskräfte des Heeres deutlich gewandelt. Zu Zeiten des „Kalten Krieges“ waren es feindliche mechanisierte Kräfte in großer Konzentration im intensiven Gefecht, die im Mittelpunkt des Interesses standen. Kräfte in solcher Größenordnung, dass man sie gar nicht verfehlen konnte. Die Fragen nach ihrer Gefechtsgliederung, ihrem Schwerpunkt und ihren Reserven war der Auftrag an die damalige Panzeraufklärungstruppe, die mit ihren kampfkräftigen schweren Spähtrupps mit dem Kampfpanzer Leopard 2 und ihren schnellen, leicht gepanzerten Spähtrupps mit Spähpanzer Luchs dafür gegliedert und ausgerüstet war.

Heute ist das Einsatzgebiet nicht mehr auf Mitteleuropa beschränkt. Die Einsätze fi nden weltweit statt und wie die Einsatzrealität zeigt, in Regionen, die sich in Klima, Gelände und Bevölkerung deutlich von Mitteleuropa unterscheiden. Einsätze in der Wüste, im Dschungel, in Millionenstädten oder in den „Informal Settlements“ der Dritten Welt stellen hohe und höchste Anforderungen an Mensch und Material.

Auch die Aufklärungsziele haben sich deutlich verändert. Für die Truppenführer in den Einsatzländern sind nicht mehr nur Truppenmassierungen von Panzern und Schützenpanzern interessant, sondern beispielsweise Warlords mir ihren Kräften und Kapazitäten, bewaffnete Jugendbanden, Milizen, Flüchtlingsbewegungen, Minenfelder, der Zustand von Infrastruktur und Umweltkatastrophen wie Vergiftungen und Verstrahlungen industriellen Ursprungs. Auch sind z.B. Karten von Einsatzgebieten oft von zweifelhafter Genauigkeit. Straßen und Wege bedürfen der eingehenden Erkundung, denn eine eingezeichnete Straße kann auch ein brückenloser Pfad sein. Asymmetrische Kriegsführung und der Kampf in urbanem Gelände, die Durchmischung von Bevölkerung, Gegner und Verbündeten sind Herausforderungen, denen sich die Aufklärungskräfte stellen müssen. Ausbildung und Ausrüstung der Kräfte für Aufklärung und Nachrichtengewinnung müssen daran angepasst werden.

Keine Teilstreitkraft kann diesen Herausforderungen allein begegnen. Nur im Verbund aller Aufklärungsmittel entfalten diese ihre volle Wirkung und können sich gegenseitig ergänzen. Das Heer übernimmt in diesem Verbund „Aufklärung im Einsatzgebiet“ (ca. 200 km Radius), genau dort, wo es seine Kernkompetenz besitzt.

Die Erfahrungen aus den Einsätzen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Aufklärungsergebnisse nur dann schnell und umfassend gewonnen werden können, wenn die zur Verfügung stehenden Kräfte und Mittel einheitlich geführt werden. Als Konsequenz dieser Erfahrungen ist im Transformationsprozess der Streitkräfte die Heeresaufklärungstruppe entstanden. Die Heeresaufklärungstruppe ist Teil des „Systemverbundes Aufklärung im Heer“ und bündelt die Masse der Fähigkeiten zur Aufklärung. Durch die Vereinigung der Teilfähigkeiten der bodengestützten Spähaufklärung einschließlich der Radaraufklärung, der luftgestützten abbildenden Aufklärung durch unbemannte Luftfahrzeuge, durch Fernspähaufklärung und der Nachrichtengewinnung durch Feldnachrichtenkräfte wird das Prinzip „Aufklärung aus einer Hand“ stringent umgesetzt.

Die Heeresaufklärungstruppe gewinnt Informationen über Kräfte, Mittel, Absichten, Handlungen und Möglichkeiten des Gegners oder einer Konfl iktpartei, wertet sie aus, verdichtet sie und stellt sie auftrags- und lagebezogen sowie ebenenund bedarfsgerecht zur Verfügung. Diese Informationen sind Voraussetzung für die Lagebeurteilung und den Entschluss des Truppenführers.

Hierzu verfügen die Teilfähigkeiten bereits heute über hochmoderne, autonome, leistungsfähige und sich ergänzende technische Systeme.

(Quelle: InspH GenLt Otto Budde „Der Panzerspähtrupp – Die Bedeutung der Heeresaufklärungstruppe für das Heer im Einsatz“ Nr. 44 Oktober 2008 S. 4 ff.)